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Die Rhönwälder waren sein zu Hause

Christian Adam Klotzbach – der älteste Wilddieb Thüringens

 

- Zum Vergrößern bitte auf die Bilder klicken - 

 

 

Wilderei ist das nicht erlaubte Fangen und Jagen von freilebenden Wildtieren. Durch Berichte in der Literatur oder gar in Heimatfilmen wurden Wilddiebe von der Bevölkerung romantisch verklärt und als natürliche Helden angesehen. Wie zum Beispiel die bekannten Wilddiebe Georg Jennerwein, Matthias Klostermayr, Leonhard Pöttinger und Karl Stülpner. Der Wildschütz und Räuber C. A. Klotzbach wird gar neben dem Rhön-Paulus als Robin Hood der Rhön und des Feldatal dargestellt. 

Am 08. November 1850 wurde C. A. Klotzbach in der Gelbe Rübengasse 16 (heute Bergstraße) in Lengsfeld (ab dem Jahr 1896 Stadtlengsfeld) geboren. 

Dieses Wohnhaus sei um 1958 abgerissen und durch ein neues Haus ersetzt worden (Vgl. Rolf Schlegel und Rolf Leimbach: „Lengsfelder Geschichten IX“, ISBN 9783752648362, S: 120)

 

 

 

Seine Kindheits- und Jugendjahre verbrachte er in Lengsfeld. Sein innigster Berufswunsch war es Förster zu werden. Leider erfüllte sich dieser Traum nicht. Da aber Klotzbach das Jagen, Schießen und das Leben und Arbeiten in Wald nicht lassen konnte, begann er um das Jahr 1890 mit der Wilddieberei. Er heiratete 1875 Frau Elisabetha Lucas aus Wasungen, aus dieser Ehe sind sieben Kinder hervorgegangen. 

Das Leben als Wildschütz war für Klotzbach ein großes Abenteuer, welches aber oft mit Gefängnisstrafen endete, falls die Gendarmen ihn verhaften konnten. In vielen Fällen konnte Klotzbach die Gesetzeshüter hinters Licht führen und hatte die Sympathien der Bevölkerung auf seiner Seite. So kletterte er in die Kronen der höchsten Waldbäume und die Gendarmen suchten ihn vergeblich im Wald.

In jüngeren Jahren dehnte er sein Jagdrevier bis nach Vacha, Dorndorf, Merkers, Salzungen, Gerstungen, Gehaus, Kranlucken, Dermbach, Zella und sogar nach Bayern aus. Im fortgeschrittenen Alter wilderte er vorwiegend im Feldatal. 

 

 

Nicht nur die Wilderei, sondern auch Einbruch und Diebstahl wurden ihm zur Last gelegt. Im Raum Weilar und Stadtlengsfeld baute sich Klotzbach mehrere, gut getarnte und ausgerüstete Unterstände. Der komfortabelste soll sich in der Nähe der ehemaligen Rasenmühle, an der 1889 erbauten Porzellanfabrik „Koch & Schnorr“ befunden haben.

Klotzbach neigte auch zu Tätlichkeiten, so im Jahr 1904, als er mit seinen Kumpanen im Gasthaus auf der Hohen Wart zechte. Es kamen zwei Forstgehilfen hinzu, die der Förster zur Kontrolle heraufgeschickt hatte. Nach einem Streit schlug Klotzbach die Beiden mit einem Eichenstock nieder. Durch die Anzeige durch das Forstamt bekam er eine vierjährige Gefängnisstrafe wegen schwerer Körperverletzung aufgebrummt. Diese trat er aber nicht sofort an, da er erst gar nicht zum Gerichtstermin erschien. Insgesamt soll der Wilddieb in seinem langen Leben 86-mal verurteilt worden sein. Während seiner Haftzeiten verhielt sich Klotzbach vorbildlich, er wollte doch schnellstmöglich wieder in die Wälder. 

Rechnet man die bekannten Haftzeiten zusammen, erhielt Klotzbach 19 Jahre Zuchthaus, 54 Monate Gefängnis und für 12 Jahre wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt.

Die Bevölkerung und vor allen die Frauen im Feldatal hatten große Angst vor dem Wilddieb. Da Klotzbach gerne einmal einen Schnaps zu sich nahm, bat er eine Frau, die er durch Zufall im Wald traf, ihm das Schöngeistige Getränk im nächsten Dorf aus dem Gasthaus zu holen. Die Reisig-Sucherin willigte ein, obwohl sie große Angst vor Klotzbach hatte. Er konnte sie beruhigen und sagte, er werde den Klotzbach schon in Schach halten, falls der käme. Die Frau holte ihn das gewünschte Getränk und er begleitete sie noch bis der Wald sich zu lichten begann. Nun konnte er nicht mehr an sich halten und fragte seine Begleiterin: „Wissen sie wer neben ihnen steht? Der Klotzbach.“ Darauf erwiderte die Frau, nun brauche ich keine Angst mehr vor dem Klotzbach zu haben. 

Durch einige üble Scherze brachte er andere Personen in den Verdacht des Diebstahls. So stahl er einige Kaninchen und setzte diese in andere Ställe. Einmal soll er sogar dem evangelischen Geistlichen Herrn August Wilhelm Brand von Stadtlengsfeld, gestohlene Kaninchen, in seinen Stall gesetzt haben. 

Klotzbach aß nicht nur Wildbraten, sondern auch sehr gerne gestohlene Hühner, Enten und Gänse. Auch sagt man ihm nach, dass er eine besondere Vorliebe für Hunde und Katzen hatte. Immer wenn am Waldrand ein Lagerfeuer zu sehen war, hieß es Klotzbach brät sich einen Hund. 

Der vorliegende Beitrag wurde nach historischen Überlieferungen und Aufzeichnungen von Dr. Hans Goller (+) erstellt. Besonderen Dank gilt den Schriftstellern und Heimatforschern Studienrat i.R. Rolf Leimbach und Prof. Rolf Schlegel für die freundliche Erlaubnis Ihr Buch zur Erstellung meines Artikel- Beitrags zu nutzen. 

Gastbeitrag Michael Knauf

Aus der „Rhönzeitung. Wochenblatt für die Bewohner des Rhöngebirges und der angrenzenden Gebiete“ werden im Folgenden die wichtigsten Verurteilungen aufgelistet.

 

21.12.1889

Vor der Strafkammer des Landgerichts Eisenach wurde Klotzbach wegen Diebstahl im Rückfall, Widerstand gegen die Staatsgewalt und wegen Jagdvergehens zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Außerdem wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 7 Jahren aberkannt.

 

1890

Die Strafkammer des Landgerichtes Eisenach verurteilte Klotzbach zu 9 Jahren Zuchthaus wegen Wilddiebereien. Ein Viertel der Strafe wurden ihm auf dem Gnadenweg erlassen.

 

05.10.1907

Die Strafkammer in Eisenach verurteilte den wegen Wilddieberei bekannten und vielfach vorbestraften Klotzbach und seinen Sohn Wilhelm wegen Diebstahls im wiederholten Falle zu vier Monaten Gefängnis.

 

04.09.1908

Die Strafkammer in Eisenach verurteilte den im Oberland so berüchtigten Handarbeiter Christian Klotzbach wegen Diebstahl zu 18 Monate Gefängnis.

 

07.07.1912

Wegen einiger schwerer und leichte Diebstähle und wegen Mundraub wurde Klotzbach zu 2 Jahren und drei Wochen Haft verurteilt. 7 Monate Untersuchungshaft wurden angerechnet.

 

20.03.1915

Von der Strafkammer in Eisenach wurde heute der bekannte Wilderer Klotzbach wegen Hühnerdiebstahls und anderer Eigentumsvergehen zu 2 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus verurteilt.

 

29.09.1920

Von der Strafkammer in Eisenach wurde der Einbrecher und Wilddieb Christian Klotzbach wegen Kaninchendiebstahl in Anbetracht seiner 24 Vorstrafen zu 1 Jahr Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust verurteilt.

 

25.04.1922

Der berüchtigte Wilddieb Christian Klotzbach aus Stadtlengsfeld, der langjährige Gefängnisstrafen verbüßt hatte, machte nach seiner Entlassung aus der Strafanstalt die hiesige Gegend wieder durch Wilddieberei unsicher. Der Wildbestand nahm zusehends ab. Überall wurden Schlingen im Wald vorgefunden. Auch Schüsse wurden sehr häufig wahrgenommen. Bei seiner Verhaftung, bei der er sehr großen Widerstand zeigte, wurden in seinem Rucksack zahlreiche Schlingen, Draht und auch Patronen gefunden. Vom Landgericht in Eisenach wurde daher der alte Sünder abermals zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt.

 

16.08.1930

Klotzbach, der wegen Jagdvergehen vielfach vorbestraft ist, erhielt wegen gewerbsmäßiger Wilddiebereien vor dem Thüringer Amtsgericht in Bad Salzungen eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten.

 

Das ist die letzte bekannte Verurteilung des Christian Klotzbach. Er war somit der älteste noch aktive Wilddieb in Thüringen.

Zuhause oder in einer Zelle wollte der Räuber und Wilddieb Klotzbach nicht sterben. Sein Sterbezimmer soll der heimatliche Rhönwald im Feldatal sein. Einundachzigjährig begab er sich zu dem Stadtlengsfelder Bürgermeister Adolf Hörle und soll sich mit folgenden Worten verabschiedet haben:“ Ich werde Dir keine Schereien und Arbeit bereiten.“ Der Bürgermeister verstand die Worte nicht. Einige Zeit später, am 03. August 1931 fand man C. A. Klotzbach im Weilarer Forst-Revier erhängt. Das war die Lösung seiner letzten Worte, nun hatte der Bürgermeister von Weilar die Arbeit.

 

Der Eintrag im Sterberegister lautet:

„Klotzbach, Christian Adam geb. am 8. Oktober in Stadtlengsfeld

Arbeiter, ohne festen Wohnsitz

Verheiratet mit Elisabeth geb. Lukas zu Stadtlengsfeld, die 1915 zu Stadtlengsfeld verstarb

am 3. August 1931 tot aufgefunden; hat sich erhängt

Vater: Christian Klotzbach, Fabrikarbeiter

Mutter: Anna Margareta geb. Hill“

 

Clara Dobberin aus Geisa zeichnet uns ein anderes Bild von Christian Klotzbach. Ihre Erinnerungen an Stadtlengsfeld beginnen 1882, als sie vier Jahre alt war. Ihr Vater war hier Postamtsvorsteher. In ihren „Jugenderinnerungen an Lengsfeld“ schreibt sie, dass sie gerne Tante „Männäke“ besucht. Das sei eine einsam lebende Frau in einem kleinen Haus außerhalb des Ortes gewesen.

 

„Dort treffe ich auch manchmal meinen Freund Lotzbach, den ich sehr liebe! Die Freundschaft fing mit einem Weidenkorb an. In dem bot an einem Sommerabend ein großer, dürftig gekleideter Mann in unserer Küche frische Fische zum Verkauf an. Der Korb war gemustert geflochten und entzückte mich! Ich bat die Mama, ihn mir zu kaufen. Da sah mich Lotzbach freundlich an und sagte: „Ich flechte dir einen anderen, kleineren“ Und wirklich, als er die andere Woche zum Holzhacken kam, brachte er mir diesen Korb. 
Lotzbach war ein vielseitig geschickter Mann, und jeder im Ort hatte ihn zeitweilig nötig. Bei Tante Männäke war er der ständige Helfer. Er war es, der ihr die Waldvögel fing, und wenn eins der Tiere krank war, ein Mittel zur Heilung wußte. Ich staunte, wie er mit den Tieren ebenso geschickt umging wie mit Pflanzen oder mit Werkzeugen aller Art. 
Aber dieser gute Mann hatte eine gefährliche Leidenschaft: Er wilderte! Es gingen von ihm allerlei Mären herum. Einmal im Herbst kam eine Frau von Gehaus her. Da trat Lotzbach auf sie zu und gebot ihr, ihm Patronen im Ort zu holen. Den mit Butter und Eiern gefüllte Tragkorb nahm er in Verwahrung. Als die Frau das Gewünschte gebracht hatte, erhielt sie den Korb unversehrt zurück. Man behauptete sogar, daß er dem Oberförster Fische aus dessen eigenen Gewässern zum Verkauf gebracht habe. Sicher ist es jedenfalls, daß ihm keiner gram sein konnte und selbst strenge Obrigkeiten ihn als willigen Helfer schätzten. Seine Fertigkeiten und auch sein heimliches Jägertum umgaben ihn mit demselben Nimbus wie die kühnen Heldengestalten in unseren Büchern. Er behielt neben Robinson und Lederstrumpf sein volles Gewicht.“

 

Die Wilddieberei war mitnichten eine Laune weniger Menschen. Sie hatte in der Regel wirtschaftliche Gründe. Auch in unserer Region. In einem Ehevertrag aus dem Jahr 1785 zwischen Hugo Johann Ludwig von Boineburg zu Lengsfeld, Weilar und Gehaus und dem Fräulein Maria Anna von Züllehart wurde vereinbart, dass im Falle des Ablebens des Gatten, die Witwe mit Wildbrett, Fischen und Holz überreichlich gut versorgt wurde. So standen ihr vom Wildbrett auch noch der Anteil ihres Mannes mit zwölf Hasen, 20 flügge Vögel, ein halber Zentner Forellen, Äschen oder Karpfen, acht Klafter gutes Scheitholz, sechs Klafter Reißig und zum Brauen notdürftiges Holz jährlich zur Verfügung. Demgegenüber hatten viele Familienväter keine andere Wahl, heimlich Wild zu erlegen, Fische zu fangen oder Holz und Reißig zu stehlen, wenn sie ihre Familien vor der Kälte oder dem Hungertod bewahren wollten.

 

Über das herrschaftliche Wild und Holz wachten herrschaftliche Förster bzw. Forstaufseher. Kamen sich Wilddieb und Forstaufseher in die Quere, konnte es durchaus zum Schusswechsel kommen. 

Nördlich von Stadtlengsfeld, unterhalb der Steinbruchwand befindet sich ein Stein, der sehr wahrscheinlich an das Opfer eines solchen Schusswechsels erinnert. Mundartlich ist er als „Fieslerstein“ im Umlauf. Richtig aber ist „Pfisterstein“. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rolf Schlegel hat in „Lengsfelder Geschichten VIII, Förstermord am Kohlgraben“, ISBN 9783749496907, die Geheimnisse und Gerüchte um diesen Stein gelüftet: „Johann Georg Christian Pfister … wurde am 27. April in Stadtlengsfeld geboren und war ebenfalls herrschaftlicher Förster in Stadtlengsfeld … Er starb laut Sterbebuch von Stadtlengsfeld am 15. Oder 16. August 1808. Es war kein natürlicher Tod. Er wurde erschossen … Vermutlich kam Georg Pfister durch einen Wilddieb ums Leben ... Nunmehr ließ sich auch die Inschrift aif dem Gedenkstein verifizieren. Sie lautet: Pfister – Todestag – am 16. August – 1808.“

 

Christian Klotzbach hat nie einen Menschen erschossen, obwohl er als Wilddieb dazu vielmals Gelegenheit hatte...

 

 

 

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